Wie ein Wunder entschied sich eine ganz kleine Mehrheit gegen die Tendenzen, die immer mehr Einfluß gewonnen hatten. Einige stimmten für die Amazonen, weil sie ihr Wort nicht brechen wollten, andere, weil sie ahnten, daß die Königin einen Weg finden würde, auch die Probleme des Winters in den Bergen des Himmels zu überwinden. Sie wollten lieber einen starken Verbündeten in einiger Entfernung wissen, als geschwächte Amazonen in die Hände der Sklavenhändler fallen zu lassen. Denn was Lysippe mit dem Volk des Himmels fertiggebracht hatte, wäre ihr sicher ein Leichtes bei jedem anderen schwächeren Volk. Jedes andere Volk mußte gegenüber der Stämme der Himmelsberge natürlich abfallen. Sie waren die Stärksten von allen. Besonders wenn man sich vorstellen mußte, die Amazonen als Nachbarn zu haben. Lysippe unterstützte das Himmelsvolk noch in diesem Glauben, als sie herausgefunden hatte, daß es nur einen einzigen offenstehenden Weg gab, das Gebirge zu überwinden.
Das mochten die jungen Amazonen nicht hören, niemand war einer Amazone überlegen. Marpesia weiß mit Hinweisen auf den Überfall in ihrer alten Heimat jeden Übermut zu bremsen. Sie macht die unter ihren Zuhörern, die immer viel zu schnell an Waffen und Kampf dachten, auf die vielfältigeren Möglichkeiten ihres großen Vorbildes aufmerksam:
Lysippe benutzte ihren Geist und erkannte die Hilfe der Ironie. Sie erlaubte, Aussagen ganz anders klingen zu lassen, als sie gemeint waren. Um ihren Stamm zu retten, mußte Lysippe dafür sorgen, daß ihre Kräfte nicht zu allzu stark erschienen.
Alle freuen sich über diese Finte der Königin Lysippe oder ihrer Erzählerin. Marpesia läßt ihre Zuhörer sich eine Weile begeistert in Ironie üben, dann gibt sie ihrer Geschichte eine neue Steigerung:
Ihr wollt immer nur Stärke und Sieg sehen, aber für unser Volk kamen viel häufiger unerwartete Schwierigkeiten. In der Zeit, von der ich gerade berichte, waren gerade neue Probleme entstanden. Im Amazonenwald hatte es kleine geflügelte Tiere gegeben, die nur so in der Luft herumwimmelten, wie weiße und farbige Blüten im Blättergrün. Deshalb fühlten sich unsere Vorfahren auch sehr an ihre Heimat erinnert, als eines Tages ein Gewimmel in der Luft war, wie von weißen Schmetterlingen. Irgend ein großer Baum über den Wolken schien hauchfeine Blüten regnen zu lassen, bis der Boden dick und weich und weiß war.
Anfangs hatten sie den Schnee wie ein Märchen betrachtet. Die Blütenblätter des Himmelsbaumes waren sacht auf die Erde getaumelt und deckten die durch Kälte und Frost Geschundene zärtlich zu und wärmten sie. Und diese Blüten waren so zart, daß sie auf der Hand dahinschmolzen. Aber wenn man genügend dieser Blüten in die Hand nahm, konnte man sie formen wie Lehm. Die ganze Landschaft lag unter einem dicken weißen Polster. Mit den Kindern des Bergvolkes liefen die Amazonen lachend und schreiend hinaus, um zu spielen. Sie kehrten aber bald rotgefroren und mit fühllosen Händen und Füßen in die Häuser zurück. Bisher hatten sie Schnee nur von fern auf den Bergen gesehen, als sie auf der Flucht den Fluß aufwärtsgefahren waren. Seine Wirkung jedoch kannten sie noch nicht. Ihre Wirte hielten sich beim Zusehen vor Lachen die Bäuche, achteten aber darauf, daß ihren Lehrmeistern kein ernstlicher Schaden entstand.
Die Zuhörer können nicht glauben, daß ihre Vorfahren so dumm waren und auf schlichten Schnee hereinfielen. Was war schon besonderes daran? Sie hätten das sofort erkannt. Im Winter gab es eben Kälte und Schnee und man mußte sich entsprechend verhalten. Ihre Erzählerin läßt sich von dem Unverständnis nicht aus dem Konzept bringen:
Ihr seid vielleicht leichtgläubige Kinder. Ihr blast euch nur so auf, weil ich etwas euch Gewohntes dargestellt habe. Aber dem Menschen entgeht mit der Gewohnheit das wirkliche Wesen einer Erscheinung. Nur wenn man auch das Selbstverständlichste dann und wann einmal wie etwas völlig Neues betrachtet, entgehen dem Bewußtsein Ursachen und Wechselwirkungen nicht. Wenn ihr den Schnee einmal auf diese Art betrachten würdet, zeigte er sich euch als eine der unwirklichsten Erscheinungen der Erde.
Stellt euch doch einmal vor, ihr müßtet plötzlich in einer Gegend leben, die ganz anders wäre, als eure gewohnte Umgebung hier. Stellt euch vor, euch wäre bisher die Nahrung einfach in den Mund gewachsen und plötzlich müßtet ihr um jeden Happen ringen. Stellt euch vor, ihr hättet bisher keine Kleidung gegen Kälte gebraucht und auf einmal müßtet ihr euch gegen das lebensbedrohende Wetter schützen. Dann würdet auch ihr Naseweisen vom Schnee überrascht sein. Ihr würdet erkennen, daß die meisten Wunder zugleich Gefahr enthalten und oft in einer lebensbedrohlichen Atmosphäre entstehen.
Euch erscheint der Schnee schön, weil ihr wohlgenährt in gut geheizten Räumen Winterschlaf halten könnt. Nur zum Spaß verlaßt ihr die Häuser. Wie bedrohlich aber die weiße Decke wird, wenn man nur von einer Stadt in die andere muß, entgeht euch. Denkt auch an die Natur. Der Winter ist ein kleiner Tod. Die Natur verliert ihre leuchtenden Farben, bis nur noch Leichenblässe und Schattenschwärze übrig bleiben. Aber dennoch, welch köstlicher Reiz, die kunstvollen Gebilde von Wind, Schnee und Kälte. Fangt einmal eine Flocke auf und betrachtet sie für sich allein. Sie besteht ganz aus haarfeinen, durchscheinenden Kristallen. Ihr wäret genau wie unsere Vorfahren erstaunt.
Mit diesem Bild entläßt Marpesia die ganze Gesellschaft in ihre Betten.
