An diesem Vormittag will Marpesia die Kinder in die Anfangsgründe der Heilkunst einweisen. Als sich alle für den Aufbruch um Marpesia versammeln, fällt Adonis ein noch sehr kleiner, ungewöhnlich wohl genährter Junge auf. Der macht ihn darauf aufmerksam, daß die Amazonen bei fast jedem Ortswechsel laufen. Bisher hatte Adonis das Laufen für einen Bestandteil der jeweiligen Übung gehalten. Aber mit dem Kleinen wird ein Prinzip erkennbar. Allein von seiner Konstitution her würde man keine schnellen Bewegungen von ihm erwarten. Die Mühe, die ihm das Laufen macht, wird unübersehbar, daß er Marpesia eine Hand entgegengestreckt. Als sie die Hand ergreift, verkündet der Kleine: Mein Vater sagt immer, ich bin für Wölfe und Bären zu appetitlich, deshalb muß ich unbedingt trainieren, ihnen wegzulaufen.

Adonis nimmt die andere Hand des Kleinen, während Marpesia lachend fragt: Aber sorgst du nicht dafür, daß dich Wölfe und Bären zum Fressen gern haben?
Das Laufen nimmt dem Kleinen sofort die Luft für jegliche Antwort. Er kann nur noch nicken. Sie laufen zum Han, wo die Heilkunst gelehrt wird. Dort läßt der Kleine die Hände los. Marpesia beginnt: Woran merkt ihr, daß ihr gesund seid?
Noch schwer atmend platzt aus dem Kleinen heraus: Ich bin gesund, wenn ich meinen Körper, meine Beine und meine Arme nicht fühle.
Marpesia lacht mitfühlend: Spürst du deinen Körper jetzt nicht? Du hast einen ganz roten Kopf.
Der Knubbel murmelt kleinlaut: Meine Brust, mein Kopf und meine Beine tun schrecklich weh!

Adonis fällt in Marpesias Lachen ein: Dann sind deine Brust, dein Kopf und deine Beine krank?
Der Kleine wendet sich etwas heftig um: Du willst mich ärgern. Du weißt genau, wenn man läuft, braucht man Luft. Meine Mama sagt schon immer: “Das Blut schießt dir in den Kopf”.
Die anderen Kinder können sich nicht zurückhalten: Seine Beine sind nicht krank, sie sind nur müde. Sie haben viel zu viel zu tragen! Du mußt unbedingt weniger essen!

Marpesia hat ihren gewünschten Ausgangspunkt erreicht: Immer, wenn du dich anstrengst, …
Der Kleine springt in Marpesias Satz hinein: … dann wird mein Kopf heiß und rot.
Marpesia lächelt zufrieden: Das hast du gut beobachtet. Und deine Mutter hat Recht. Merkst du, daß dein Herz viel schneller schlägt? Das Herz versorgt deinen Körper mit dem Blut.
Der Kleine blickt sie sehr beunruhigt an: Dann braucht er jetzt viel Blut. Gerade klopft mein Herz, als wollte es platzen.

Die Antwort kommt Marpesia recht: Wenn man läuft, wird alles schneller, auch das Atmen und das Herz scheint zu zerspringen..
Alle sind sich einig: Normalerweise merkt man nicht, daß man atmet. Aber wenn man läuft, braucht man plötzlich viel mehr Luft.
Der Kleine fühlt sich bestätigt: Mir bleibt einfach die Luft weg. Das ist fast wie Hunger.
Adonis betrachtet ihn mitleidig: Du hast sicher schon wieder Hunger.
Der Kleine nickt ernsthaft: Ich könnte immer essen. Bis mein Magen drückt.
Marpesia neckt ihn: Der Magen drückt, wenn man zu viel in ihn hineinsteckt. Aber dein Vergleich ist sehr gut. Denn genauso wehrt sich unsere Lunge vor zu viel Atem.
Die Kinder sind total verwirrt: Kann man zu viel atmen? Wir atmen doch sofort wieder aus.

Der kleine Hungrige erinnert sich: Manchmal landet auch Luft im Magen, macht aber nicht satt.
Marpesia lacht: Nein, den Magen macht Luft nicht satt. Normalerweise landet sie in der Lunge. Dürfen alle mal hören, wie die Luft in dich hinein- und herausströmt? Aber sag sofort Bescheid, wenn es zuviel wird!
Geduldig atmet der Kleine immer wieder tief ein und aus. Fast alle haben an ihm gehorcht, da scheint sein Kopf zu platzen und er preßt hervor: Mir wird schwarz vor Augen!
Die fürsorgliche Peri nimmt ihn an die Hand: Jetzt mußt du die Luft verbrauchen, die du in dir aufgespeichert hast. Am besten läufst du eine kleine Runde.

Unmutig läßt sich der Kleine mitziehen. Als er zurückkehrt, blickt er erleichtert, obwohl immer noch etwas benommen: Ich kann schon wieder pfeifen. Jetzt verstehe ich, daß ich nicht mehr Atem holen darf, als ich brauche. Das fällt mir nicht so schwer, wie weniger essen!
Marpesia hatte das Ergebnis erwartet. Schon zwischen den Hörproben hatte sie auf Pausen bestanden: Siehst du, du bist nicht gelaufen, und doch wurde dein Kopf ganz rot.
Nun darf der Kleine an Adonis Rücken hören, wie sich die Lungen füllen. Ganz stolz legt er seinen Kopf an Adonis’ Rücken. Während der bewußt atmet, beginnt er zu ahnen, was Marpesia vor hat: Meine Lunge ist also ein Organon, um etwas aus der Luft zu nehmen, was den Kopf rot werden lassen kann bis einem schwarz vor den Augen wird.

Das “Werkzeug” liefert dem Kleinen eine Vorstellung: Wenn die Lunge etwas aus der Luft holt, ist mein Magen das Organon, das aus Essen Kraft macht.
Unisono stimmen alle zu: Fürs Laufen brauchen wir nicht nur Kraft sondern auch Luft.
Nun zündet Marpesia einen Span an und läßt den Kleinen vorsichtig blasen. Die Zuschauer jubeln: Die Luft gibt der Flamme Kraft. Aber wir brennen ja nicht, wozu brauchen wir Luft?
Marpesia streicht dem Kleinen über den Kopf: Und du hast allen gezeigt, daß die Luft bei uns etwas Ähnliches macht, wie das Essen. Wenn du groß bist, findest du heraus, warum!

Die den Kleinen und Marpesia Umdrängenden möchten nicht solange warten: Doch wie kann die Luft in unserer Lunge unseren Kopf fast platzen lassen?
Der aufmerksame Kleine: Ich glaube, das hat mit dem Blut zu tun. Marpesia hat mich eben nach meinem Herz gefragt. Es läßt das Blut in den Kopf steigen und der wird vor lauter Blut rot.
Marpesia ist sehr zufrieden: Du hast Recht. Ihr bekommt einen roten Kopf, weil ihr bei Bewegung euer Blut in Wallung bringt. Das könnt ihr gut an euerm Puls fühlen.

Sie nimmt den Arm eines Mädchens neben sich in die Hand und dreht ihn, daß alle die blaue hervortretende Ader am Unterarm sehen können: Das ist die Schlagader.
Alles drängt sich um die Kleine herum. Sie weiß: Meine Mutter sagt immer, am Puls kann man fühlen, wie das Herz das Blut durch die Adern pumpt.
Und Peri ergänzt: Durch die Adern versorgt das Blut die Muskeln in Armen, Beinen und in Lunge und Magen mit Kraft aus dem Essen und aus der Luft.
Marpesia erklärt: Im Kopf sind zwar keine Muskeln, aber er braucht besonders viel Blut. Die Adern, aber auch andere Röhren durchziehen den ganzen Körper und verbinden die Organes.
Die “Werkzeuge” strengen die Gehirne sichtlich an: Verstehe ich nicht. Noch mehr Organes?

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