Zweite Szene des Schauspiels
Das Ringen um die Geschichte
Darsteller:
Jettchen (Mutter des Autors)
Inspiration
Die Inspiration betrachtet eine schreibende Frau am Küchentisch. Von der Schreibenden unbemerkt flüstert sie: Ich bin auf eine Schwester gestoßen. Auch Jettchen möchte anderen gern erzählen. Jeder Autor will mir gleichen und einflüstern. Doch sie gleicht ihrem zärtlichen Kosenamen mehr. Jethro ist im hebräischen der Überfluß. Jettchen fließt im Kleinen über. Ab und an muß sie sich aus dem Alltag einen Moment stehlen. Lesen und Schreiben geben ihr neuen Mut für die überall lauernde Pflicht. Der Ausbruch ins Lesen und Schreiben sind mal Flucht, mal Sehnsucht Erträumtem zu begegnen. Aber er ist auch jedesmal der Wunsch, sich selbst auf die Spur zu kommen.
Jettchen: Wie hat sich die Welt in meinem Leben verändert. Zu Kaiser Wilhelms Zeit bin ich geboren und mußte schon als Kind einen Krieg erleben. Andere hatten es schlimmer. Bei ihnen kamen Tod und Verwüstungen, Gewalt und Kanonen bis ins eigene Haus. Ich ahnte ja noch nichts davon, wie meine Mutter an der “Heimatfront” zu kämpfen hatte, um ihre junge Familie zu erhalten. Das spornte ihre Phantasie an. Die gab sie mir weiter.
Inspiration: Auf euerm Dorf wart ihr eine zugereiste Arbeiterfamilie. Damals gab es noch eine Zweiklassengesellschaft, besitzende Bauern und Tagelöhner und Gesinde.
Jettchen: Für’s Gesinde war das Zugereistsein normal. Richtig ansässig waren eigentlich nur die Bauern. Mich trieb es immer, wie sie eine Heimat zu haben, einen Ort den ich gestalten konnte.
Inspiration: Wenn Heimat Besitz ist, fragt sich wer den Besitz schafft und erhält? Waren das in deiner Zeit nicht die Arbeiter. Von den Regierenden wurden sie vaterlandslose Gesellen genannt, als gehörten sie nicht “dazu”. Doch Leute, die mich aufnehmen, gehören nie dazu. Ich erinnere mich an die Träume deines Vaters, deiner Mutter, von dir und deinen Geschwistern.
Jettchen: Wer nicht anderes hat, muß sich seine Träume erzählen. Als ich heiratete, glaubte ich, jetzt werde ich ansässig. Doch schon wiederholte sich die Geschichte. Jetzt war ich es, deren Mann im Feld war und die mit ihren Kindern an der “Heimatfront” stand.
Inspiration: Aber zumindest, Eisenbahner konnten zugereist sein. Sie gehörten fast dazu, wie der Lehrer, der Pastor und der Doktor. Aber dieses Mal drang der Krieg bis in die Häuser. Der Tod wurde allgegenwärtig. Bomben zerstörten das Zuhause.
Jettchen: Aber ich überlebte so oft. Als Bomben die Wohnung zerstörten, war es ein Mal von vielen. Und es gab jemanden, der mir jedes Mal zugeflüsterte: Nur nicht aufgeben.
Inspiration: Dein neues Zuhause bekamst du an einem meiner Lieblingsorte, auf einem Bahnhof. Eine Platz für viele Er”fahr”ungen. Man kann nur erzählen, was man gehört oder erfahren hat.
Jettchen: Immer wenn Mann, Kinder, Haus und Garten es erlaubten, ich allein war und keines der vielen Familienfeste forderte, trieb es mich, für den Dorfboten zu erzählen.
Inspiration: Und als deine Kinder das Haus verlassen hatten und dir nicht mehr zuhören konnten, schriebst du für sie. Laß mich mal hören, was aus meinem Flüstern entstand.
Als hätte Jettchen die Inspiration gehört, beginnt sie: Wilhelm
Ich will euch von Opa erzählen. Er heißt Wilhelm. Wilhelm wurde in Schlesien geboren, genauer im Kreutz, Kreis Schwenten, am 3.8.1879. Er war das vierte von fünf Kindern. Seine Geschwister hießen Berta, Mathilde, Gustav und Marie. Mathilde war gehbehindert, seit ihrem achten Lebensjahr. Jungen hatten auf der Straße mit einer Flasche Fußball gespielt und gerade, als die Flasche zersprang, kam Mathilde daher. Der untere Kolben der Flasche schnitt ihr ins Bein. Es wurde Blutvergiftung daraus, man nahm ihr das halbe Bein ab und sie bekam ein Holzbein.
Zu Wilhelms Voreltern liegen folgende Urkunden vor. Wir mußten die Urkunden beschaffen, als wir im Dritten Reich heirateten.
“Evangelisches Pfarramt Schwenten den 8.11.1937
Urschrift: mit der Urkunde für Johann, Gottlieb, Ernst Matschke zurück: Seine Ehefrau Juliane, Henriette Seeliger ist in Schwenten geboren. Sie war bei der Eheschließung, 1870, 24 Jahre und 7 Monate alt und war die Tochter der unverehelicheten Luise Seeliger. Der Geburtsort kann nicht festgestellt werden.
Die Eltern des Johann, Gottlieb, Ernst Matschke, haben 1837 geheiratet. Ihr Aufgebot ist hier eingetragen. Geheiratet haben sie wahrscheinlich in der katholischen Kirche, da die Mutter katholisch war.
Nach der Eintragung im Traubuch ist der Bräutigam, der Sohn des Schneiders und Häuslers Johann Georg Matschke und der Anna Elisabeth, geborene Beyer, und am 10.9.1810 geboren. Die Geburtsurkunde die vorliegt, lautet auf dasselbe Datum des Jahres 1808.
Die Braut ist nach Eintragung im Aufgebot am 8. Mai 1812 geboren. Ihre Eltern waren der Wirt Bogatzki in Kreutz und seine Ehefrau Johanna Josephine geb. Bartsch. Diese Urkunde erhalten Sie [damit war ich, Henny Matschke, gemeint] auf dem für Kreutz zuständigen katholischen Pfarramt. Vor 1800 ist für Kreutz das evangelische Pfarramt in Unruhstadt zuständig.
gez. Lenz”
Nach einer Pause kam Inspiration wieder: Du hast deinen Text so oft abgeschrieben, um ihm die überzeugendste Form zu geben. Wie geht nun es weiter?
Jettchen liest die Abschrift 2: “Geburts und Traubescheinigung
Johann, Gottlieb, Ernst Matschke, ehelicher Sohn des Schneiders und Häuslers Wilhelm Matschke – evangelisch – und der Ludowika geb. Bogatzki – katholisch – ist am 1. September 1837 im Kreutz geboren und am 7.9.1837 getauft.
Schwenten den 8. November 1937 Das evangelische Pfarramt Lenz”
Wilhelms Vater hieß Ernst. Er war Schneider. Der Opa war Schneider, er hieß Wilhelm, und sein Onkel war auch Schneider. Der Onkel war kinderlos und hätte von Ernst seinen Kindern gern eins an Kindesstatt angenommen. Wilhelm hätte er gern gehabt. Nur Jette, seine Mutter, wollte keines ihrer Kinder hergeben. So wurde beschlossen, daß Wilhelm nach der Konfirmation zum Onkel in die Lehre ging. Wilhelm war für sein Alter klein. Er hatte dunkelblondes, mehr schwarzes, gewelltes Haar und die schönsten blauen Augen, die es gab. Er war ein schönes Kind. Auch seine Geschwister, sie sahen sich alle sehr ähnlich.
Als Wilhelm zur Schule ging, waren noch alle Jahrgänge in einer Klasse. Sie bildeten Abteilungen. Da Wilhelm leicht begriff, war er seinen Mitschülern immer eine Nasenlänge voraus. Wilhelm wurde eine “Freistelle” an einer höheren Schule angeboten. Wilhelm wollte schon, nur konnte sein Vater nicht alle weiteren Kosten, wie Bücher, Kleidung- und Fahrtkosten übernehmen. Es war eben kein Geld da. So blieb Wilhelm in der Ortsschule. Er hatte seine Aufgaben immer schnell gelöst und, damit er keine Langeweile bekam, sagte der Lehrer, Wilhelm solle sich um die Kleineren kümmern.
