Autor: Du hast nicht genau genug spioniert! Eine Zeit lang war es mein Ziel, meiner Sekretärin zu erklären, wie der Alltag der alten Griechen aussah. Er erzählt vom Zeitgeist.
Zeitgeist: Lobst du mich? Alltag ist eines meiner Pseudonyme.
Autor: Wie kann ich loben, was ich nicht verstehen kann. Leidest du nicht darunter, so selbstverständlich zu sein, daß nur deine Gegner dich erkennen.
Inspiration: Von mir erwartest du erst recht kein Lob. Aber sprichst gerade mit einem Autor, der mich animierte, mich dir zu stellen. Als Kind lernte er, vor dir zu fliehen. Nun will er, daß wir erwachsen werden und uns mit dir auseinander setzen.
Zeitgeist: Meinst du, ich hätte nicht bemerkt, wie du ihm die Geschichten eingeflüstert hast, in die er sich flüchtete und die er seinem Bruder jeden Abend erzählte.
Autor: Mein Bruder hatte keine Lust, bei meinen “Spinnereien” immer wieder mitzumachen.
Inspiration: Doch du brauchtest zum Erzählen immer ein Gegenüber. Am Tage war es deine Mutter und im Bett nötigtest du deinen Bruder.
Autor: Ich brauche wen zum erzählen. Als Augenmensch hilft mir ein Bild, deine Ideen sprießen zu lassen. Früher nahm ich Abbildungen aus ausgewählten Zeitschriften.
Zeitgeist: “Zeit”-Schriften, seht ihr! An meinen Bildern orientiert er sich!
Autor: Ja, sogar an Reklame-Bildern, obwohl ich Werbung nicht mag. Sie macht nur leere Versprechungen. Doch deinem Geist müßte sie entsprechen.
Zeitgeist: Klar, du lebst im Zeitalter der Werbung. Die lebt von Schönheit.
Inspiration: Ja, Schönheit inspiriert. Doch du mißbrauchst sie, machst Schönheit käuflich. Du räuberst auf meinem Terrain.
Zeitgeist: Ich kann gar nicht mißbrauchen. Auf mich geht auch “me too” zurück!
Inspiration: Wenn du vor einer Tat bereits vehement Verantwortung einfordern würdest, wärst du sofort mein Zeitgeist.
Autor: Der Geist unserer Zeit läßt erst geschehen und verlangt dann, zur Verantwortung ziehen. Kein Wunder, wenn Politiker vom Übernehmen von Verantwortung reden.
Zeitgeist: Muß man überzeugte Nationalsozialisten und Kommunisten nicht zur Verantwortung ziehen?
Inspiration: Hast du ihnen, als sie an die Macht wollten, nicht gesagt, Überzeugung sei die höchste Stufe des Wissens, die einzig richtige Weltsicht.
Zeitgeist: O, ich hatte viel Erfolg. Ich überzeuge alle!
Autor: Heute verkündest du, der Kapitalismus habe den Kommunismus überwunden.
Inspiration: Wissen unterscheidet sich durch Zweifel von der Überzeugung.
Zeitgeist: Alles nach Recht und Gesetz! Eine berufene Elite gibt die nötigen Gesetze.
Inspiration: Gesetze werden von Menschen gemacht. Gewaltenteilung beugt vor. Immunität sichert ab.
Autor: Stört dich nicht, wenn Ressourcen und Zukunft nach Recht und Gesetz mißbraucht werden?
Zeitgeist: Ihr! Ihr hackt auf mir herum. Du Einflüsterung brauchst eine Ersatzbefriedigung. Die Fähigkeiten und das Wissen deines Schützlings genügen deinen Ansprüchen nicht.
Inspiration: Du willst uns nur entzweien! Doch mit deiner Weltsicht wuchs Autor auf.
Autor: Wer stellt den Zeitgeist schon in Frage? Meinen Vater glaubte noch ans Wahrsagen.
Zeitgeist: Man will doch wissen, was auf einen zukommt. Ich habe vorgeschlagen, Wahrsagen Prognosen zu nennen. Die Bezeichnung hat sich bei Wahlen sehr bewährt.
Inspiration: Die Entscheidung von Wählern vorauszusagen, sagt alles über ihre Herrschaft. Im Wissenwollen habe ich leider sehr viel Ähnlichkeit mit unserem Freund.
Zeitgeist: Mit einem Unterschied. Ich liebe die Beständigkeit. Du bist auf Veränderung aus.
Autor: In meiner Jugend träumten alle von Veränderung und Frieden.
Zeitgeist: Das war ja auch im und nach dem Krieg.
Autor: Ja, und damals kamen die Flüchtlinge. Gegen die zeigst du vorbildlich tolerant.
Zeitgeist: Damals, die sprachen wenigstens die gleiche Sprache und haben sich integriert.
Autor: Mit dir und deiner Integration sind wir groß geworden. Neuankömmlinge müssen sich anpassen. Das müßte sie lehren, weniger anfällig für dich sein.
Zeitgeist (mit stolz geschwellter Brust): Glaub nicht sie hätten keinen eigenen Zeitgeist. Das ist nur meine andere Seite.
Inspiration: Ansässige können es übersehen, für Migranten jedoch bist du janusgesichtig.
Autor: Wer vom Zeitgeist zwei Gesichter kennt, müßte über seine Vorurteile stolpern.
Inspiration: Meinst du? Ist der Gedanke nicht verführerisch, es könnte eine Zeit oder eine Gegend geben, in der alles besser ist?
Autor: Wenn man nicht flüchten muß, ist das der Anlaß zur Völkerwanderung! Doch wer dann sein Paradies erreicht, wird oft bitter enttäuscht!
Zeitgeist: Ja, die Realität nimmt die Täuschung über die Zustände im erstrebten Asyl.
Inspiration: Dann sollte das Vorurteil der Asylanten die anspornen, die Asyl gewähren.
Zeitgeist: So ein Quatsch. “Wir brauchen keinen Ansporn. Nirgends ist es besser als bei uns. Die Fremden kommen nur wegen unserer Vorteile.”
Autor: Doch in ihrem Zuhause sollen Einheimische Touristen ertragen.
Zeitgeist: Ein bißchen Toleranz ist ihnen zuzumuten. Außerdem Touristen bringen den Entwicklungsländern notwenige Devisen.
Inspiration: Du bestätigst mein Vorurteil, der Geist der flüchtigen Gegenwart achtet nur auf den Besitzstand. Damit läßt du Diktatoren an die Macht kommen!
Zeitgeist: Sozialempfänger, Asylanten und Migranten zehren an unser Zukunft.
Inspiration: Haben wir das nicht überwunden? Du läßt dich von mir nicht gerade in Anspruch nehmen. Frustet dich deine Inspirationslosigkeit nicht?
Zeitgeist (leicht beleidigt) Was hast du mir schon zu bieten? Hast du immer noch nicht bemerkt, ich brauche dich nicht. Ich behalte immer recht.
Autor: Das habe ich als Denkmalpfleger vom ersten Tag an bemerkt. Du infizierst mit einem Hang zu Moden und Vorurteilen. Ein Wissensbegieriger hat da viel zu kämpfen. Aber wenn er dich brauchen könnte, bist du nicht da.
Zeitgeist: Da bin ich ja auf den Richtigen gestoßen. Denkmalpfleger sind Rechthaber!
Autor: Für den Zeitgeist mag es solche geben. Du bist der, der Erfolg verleiht. Sie müssen ihren von dir haben! Ich habe es mit der Devise geschafft: Denk mal! Laß teilhaben! Pflege! Es muß also noch etwas trotz dir geben.
Zeitgeist: Neben mir gibt es nur noch die Götter.
Autor: Mit meiner Geschichte möchte ich mich mit dir auseinandersetzen. Die Hauptrolle dafür sollte das schwächste Glied unserer Gesellschaft, eine unbefangene Migrantin bekommen.
Zeitgeist: Wenn du nicht auf mich hören willst, sieh zu, wie weit du ohne mich kommst.
Autor: Entschuldige, wenn ich dich so angegangen bin. Du bist ja nur der Spiegel einer Menge, die du zu überzeugen liebst. Vielleicht gelingt es mir für ein letztes Wort von dir.
Inspiration: Du will dich verabschieden? Ist ein Zeitgeist nicht zu neugierig dazu?
Zeitgeist: Darin ähneln wir uns leider. Doch obwohl ihr wißt, daß ich immer das letzte Wort habe, werdet ihr mir lästig. Das habe ich nicht nötig.
Autor: Ist er weg. Meinst du er ist wirklich gegangen?
Inspiration: Oft verbirgt er sich ja nur hinter der nächsten Ecke. Ich glaube, du kannst damit herausrücken, daß die Auseinandersetzung mit ihm das Motiv deiner Geschichte ist.
Autor: Bei Esthers Virola bin ich noch vor dem Zeitgeist geflohen.
Inspiration: Und bei deiner Privatmythologie für Heike lockst du den Zeitgeist der alten Griechen hervor.
Autor: Ja, dank dir, du hast mich auf die Idee gebracht. Doch dann gabst du Heike die Frage mit dem Pegasus ein.
Inspiration: Der Zeitgeist veranlaßte ihre Vorgesetzten ihr übel mitzuspielen. Damit inspirierte sie dich, dich dem Geist der Zeit zu stellen.
Autor: Um den griechischen Zeitgeist zu verstehen, gabst du mir ein, aus Virola die Migrantin Peri werden zu lassen. Ein Mädchen, das auf Janus nicht hereinfällt.
Inspiration: So gaben zwei Zeitgeister den Anlaß für die Geschichten von dir und Peri!
