Da im Augenblick ihre Planken nicht bedroht sind, holt Adonis einen seiner Männer ans Ruder und weist ihn ein: Wenn wir uns unbekannten Regionen nähern, beobachten wir vom Mast mögliche Hindernisse. Von unserm Lieblingsplatz kontrollieren wir unsere Tachis mit der Knotenleine. Hilfst du mir?
Das Messen von Geschwindigkeit ist Marpesia fremd. Neugierig begleitet sie Adonis.
Sie balancieren über die Beine der Schläfer an Deck. Adonis reicht Marpesia die Hand: Sie genießen die ruhige Fahrt auf dem offenen Meer. Früh genug werden Befehle die Männer hochscheuchen.
Trotz der gewonnenen Seetüchtigkeit schätzt Marpesia die Hilfe: Ich habe keinen geweckt und beginne zu ahnen, wie ihr euern Weg findet. Ihr erinnert mich an den Geranos.
Adonis dreht eine Sanduhr um und wirft eine Leine voller Knoten in die Wellen. Knoten zählend läßt er sie durch seine Hände gleiten: Wir Menschen hätten gern das Vermögen des Geranos, sich zu orientieren.
Marpesia läßt der Fahrwind die Augen tränen: Aber wir hätten auch gern seine Weisheit. Ich versuche mal meine: Die Anzahl der Knoten bestimmt die Geschwindigkeit?
Adonis holt die abgelaufene Leine wieder ein, blickt auf die Sanduhr und notiert etwas auf einem Papyros: Genau. Du bist ein Geranos, die benötigst kein Messen der Tachis auf deinen Reisen. Deine Brüder sind für uns die verläßlichsten Wegweiser.
In dem Moment beginnt die im Fahrwind flatternde Kapuze Marpesia zu stören: Und du reist mit dem Geranos um die Wette!
Adonis lacht schallend: Über meine Reisen kann der Geranos mit seinen Flügen nur krähen. Er kommt von den Hyperboraies, verbringt den Winter in Aigyptos und kehrt wieder zurück.
Beim Erwähnen des Landes hinter dem Nordwind kämpft Marpesia gerade um den Blickkontakt, den der Wind mit der Kapuze gerade wieder flatternd einschränkt: Sie kommen auch zu uns. Nach dem Flug übers Meer rasten sie kurze Zeit. Selten bleiben sie länger.
Adonis tritt einen Schritt zurück. Er möchte seinem Gast wieder ins Gesicht blicken können: Wir nehmen sie zum Vorbild. So wie du gerade, machen sie den Beginn ihres Zuges vom Wind abhängig.
Ungeduldig schüttelt Marpesia die vom Wind vor das Gesicht gewehte Kapuze vom Kopf: Die meisten Tiere treiben Hunger, Feinde oder lebensbedrohliche Temperaturen weiter. Der Geranos reist planvoll.
Adonis freut sich übei ihre energische Befreiung: Ein bis zwei Tage vor dem Weiterzug werden Geranes unruhig.
Marpesia zupft ihre verrutschte Chlaina zurecht: Das ist mir auch schon aufgefallen. In der Nacht vor dem Abflug rufen sie einander. Im Tanz erinnern sie sich an die schwierigen Partien des bevorstehenden Abschnitts.
Adonis Blick folgt den Handbewegungen seiner Mitreisenden. Als er ihren Augen wieder begegnet, zwinkert er ihr zum ersten Mal nach langer Zeit wieder vertraulich zu: Aus deiner Chlaina lugt ein Halstuch von ungewöhnlichen Chromai hervor.
Marpesia zieht das Tuch mit den faszinierenden Farben aus ihrem Ausschnitt heraus: Das Tuch trage ich oft. Es ist ein Talisman.
Adonis beugt sich über das Tuch. Am liebsten hätte er es zwischen den Fingern gehabt: Es hat ein sehr ungewöhnliches Muster.
Was Marpesia sonst durch den Kopf schoß, wenn Adonis ihr zuzwinkerte, löst jetzt sein Vorbeugen aus: Welche Gemeinsamkeit teile ich mit diesem so überaus sympathischen jungen Mann? Laut setzt sie fort: Es hatte schon eine sehr lange Reise hinter sich, als ich es bekam.
Adonis kann seine Augen nicht von dem Textil wenden: Das ist ein Geranos. Wir reden von ihm und du trägst unsern Wegweiser einfach so am Hals!
Sein staunender Blick läßt Marpesia seine Empfindungen ahnen: Selbst, als du mich so genannt hast, habe ich nicht an ihn gedacht. Der Ornis ist gemalt. Nicht nur für uns ist der Geranos voller Bedeutung. Man kennt ihn auch im Land von Eos.
Der Vogel aus dem Land der Morgenröte läßt Adonis vor sich hin träumen: Er ist wunderbar getroffen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Seine Begeisterung und sein Staunen zaubern ein reizendes Lächeln auf Marpesias Gesicht: Ich habe es aus Fer gha na, dem Napos der Ippes ouranies.
Adonis blickt beim Tal der himmlischen Pferde verdutzt auf: Vom Pegasos habe ich gehört. Wir Phoinikes glauben, die Welt zu kennen, doch Fer gha na sagt mir nichts.
Die Erinnerung an Fergana läßt Marpesias Lächeln immer breiter werden: Ich ahne deine Verwirrung. Kaum ein Mensch hier in Espera kennt Fer gha na. Mich erinnert allein der Name immer daran, daß alle Menschen Reisende sind.
Adonis Blick wird fassungslos: Jetzt weiß ich, was dich so anziehend macht. Mit dir tritt immer wieder eine völlig neue Welt in mein Leben. Was ist Fer gha na?
Marpesia stopft ihr Tuch wieder in den Ausschnitt: Fer gha na ist ein Symbol für uns. Es sagt, daß es immer eine Wendung zum Besseren geben kann. Aber für das Tuch war Fer gha na nur eine Station seiner Reise. Dorthin kam es als Entgelt für ein ganz besonderes Pferd.
Der Phönizier der viele Häfen und Meere kennt, von denen andere nie gehört haben, ist verzückt: Wie kommt man nach Fer gha na?
Marpesia belustigt sein Drängen: Um dort hin zu kommen, mußt man von meiner Heimat aus immer nach Eos reiten, durch wasserlose Eremes und hohe Ores.
Die Reise nach Osten durch Wüsten und Gebirge fand Adonis für solch ein Tuch nicht übertrieben. Noch weniger, als er es mit seinen Fingern berühren könnte: Ich muß sofort nach Osten reisen so ein Tuch muß aus einem Topos ouranies stammen. So etwas habe ich noch nie in den Fingern gehabt.
Marpesia amüsiert, wie für Adonis aus einem Tal himmlischer Pferde eine himmlische Gegend wird: Du würdest über die Oasis inmitten eines abweisenden Oros staunen. Doch dort hast du erst die Hälfte des Weges überstanden. Du mußt noch durch die Tak la makan, die Eremos, in die man hineingeht, aber nicht wieder herauskommt. Danach kommt ein riesiges Arche, wo dieses Serikon gewebt wird.
Wüsten, Oasen und Reiche kennt der weltgewandte Adonis, doch von Seide hat noch nie etwas gehört: Die Entdeckungen meiner Landsleute haben mich gelehrt, daß die Welt so groß ist, daß niemand sie ganz kennen kann. Aber dieser Stoff wirft mich um! Ich hätte vorher nie geglaubt, daß man so etwas spinnen kann. So weich, so glatt, so anschmiegsam. So klare Chroma und diese genaue Theoria des Vogels beim Flug.
Farbe und Beobachten müssen verschoben werden. Adonis wird von Hanno angerufen. Sie hatten beschlossen die lange ruhige Fahrt über den Pontos Euxenios zu nutzen, um einige Arbeiten am Schiff auszuführen. Schiffe bedürfen ja ständiger Pflege. So muß der Kapitän selbst die Reise in Gedanken zu diesem erstaunliche Tuch zurückstellen. Er entschuldigt sich: Die Pflicht ruft.
Sie hält den Kapitän bis zum Abendessen von seinem momentanen Vergnügen ab. Die Neugier quält ihn die ganze Zeit!
