Der Phönizier stellt trocken fest: Wundert dich das? Den Eindruck hast du nur, weil sich unsere Rollen entsprechen.
Adonis freut sich, daß ihm diese Frau erlaubt, in ihren Augen zu lesen. Sie mußte von ihrer Position her großen Respekt gewohnt sein. Und dann bestätigt sie auch noch das Gelesene: So gesehen hast du Recht! Sowohl dem Nauarchos wie der Iatrike vertraut man sich wegen richtiger Entscheidungen an.
Der Kapitän erkennt im Blick der Heilerin dieses Mal fast ein wissendes Einverständnis. Vielleicht lag es an ihrem Beruf. Über Heilpriesterinnen wurde viel gemunkelt: Doch von euch erwartet man mehr als von mir! Halten nicht alle Menschen Iatrikoi für außergewöhnlich?

Als wäre Heiler das Stichwort gewesen, versinken die Blicke von Adonis und Marpesia für einen Moment ineinander: Sieh mich an. Eine Iatrike ist doch nur so etwas wie eine Meter.
Adonis fühlt sich von seiner “mütterlichen” Gesprächspartnerin immer mehr angezogen: Die Meter hat uns geboren und wird für ihre Fürsorge geliebt. 
Seine “Mutter” lacht hell auf: Wer erinnert sich schon an seine Geburt? Aber für ihr Wissen um uns werden Meter und Iatrike auch gefürchtet.
Ihr sympathisches Lachen wirkt wie ein Blick durch ein Vergrößerungsglas auf seinen Eindruck. Das unerklärliche Einverständnis zwischen ihm und ihr reizt ihn zu der Feststellung: Haben wir nicht noch mehr Gemeinsamkeiten? Wir Nautes verstecken uns auf dem Meer, ihr Iatrikes verbergt euch hinter einer Kutte.

Dann erschrickt den Seemann, wie ein trauriges Lächeln über das Gesicht dieser Mutter voller Geheimnisse zieht: Manchmal ist es gut, wenn Andere nichts von der Miene der Iatrike ablesen können.
Adonis versucht die durch seinen Vergleich traurig Gewordene mit einem Lächeln und Verständnis zu erheitern: Deshalb tragt ihr die Chlaimis. Sie verhüllt euch und eure Mienen. 
Marpesia bemerkt, daß sie durch Adonis Verhalten und Ansichten ihre sonst so sichere Zurückhaltung immer mehr verliert: Die Chlaima ist aber auch Respekt einflößende Berufskleidung. Iatres werden geschätzt, aber wegen der Wahrheit auch gefürchtet. Wir sind keine Götter. Wir können nur mit der Natur und dem Kranken heilen.

Adonis sieht Marpesias Lächeln in dem neuen Gedanken versinken. Er versucht die immer ernster Werdende zu verstehen: Manchmal müßt ihr einem Kranken eine Antwort geben, die er nicht hören möchte. 
Er kann nicht wissen, daß sie gerade versucht ihren Erinnerungen auszuweichen: Manchmal sind die Aussichten grauenhaft.
Der Kapitän versucht sich in die wie gelähmt wirkende Heilerin einzufühlen: Ich verstehe. Bei manchen Diagnosen ist es gut, wenn man sich hinter einer Kapuze verbergen kann.
Marpesia empfindet, daß das Sprichwort “geteiltes Leid ist halbes Leid” bei Adonis in besonderer Weise wahr wird: Ja, bei Nachrichten, die uns überhaupt nicht gefallen, ist es gut sich schnell verkriechen zu können. 

Der Herr des Schiffes weist seinen Fahrgast darauf hin, daß sie gerade Thebe passieren: Übrigens dort drüben liegt die vielgerühmte Stadt, von der wir vorhin sprachen. Die Achaies besiegten sie …
Die von schwarzen Gedanken Geplagte blickt zum Ufer hinüber: … und raubten den von Homer oft erwähnten Anlaß zum Streit zwischen Agamemnon und Achilleus. Sie nahmen Chryseis, einfach mit, aber auch alle anderen Mädchen und Frauen. Die verteilten sie großzügig unter sich.
Adonis erkennt in Marpesias Profil Unwillen: Du meinst, die Achaies störten ihre leeren Betten vor Troia? Ihr Ziel waren nur die Mädchen?
Abrupt wendet sich die Priesterin ihm wieder voll zu: Kann man etwas etwas anderes denken? Erinnerst du dich an die vielen Geschichten der Ellenes, in denen Mädchen Opfer oder Preis sind? Bei Kore, der Tochter Demeters angefangen, bis zu Ariadne oder Chryseis.

Adonis ist von der heftigen Reaktion erschüttert. Er wollte Marpesia nicht unglücklich machen: Sieh mal, dort kommt Chryse. Dorthin kehrte Chryseis zurück, obwohl, wie Homer sagt, Agamemnon seines “Bettes Genossin” ihrem Vater nicht zurückgeben wollte, ja den Bittsteller sogar bedrohte.
Marpesia folgt dem Hinweis, wendet sich erneut um und blickt über das Meer zu Chryse hinüber. Aufgewühlt sprudelt sie heraus: Ich denke Chryses war unglücklich über sich selbst. Er hätte Chryseis nicht reisen lassen sollen. Wäre sie nicht in Thebe gewesen, hätte sie sich nicht Agamemnon ausliefern müssen. Nun mußte er dafür sorgen, daß seine Tochter nach dem Krieg nicht weggeworfen wurde, wie eine nicht mehr gebrauchte Matratze. Bei der drastischen Darstellung geht Adonis ein Licht auf. Betreten antwortet er: Du hast mich überzeugt. Es ging nur um das Eine! Hätte Agamemnon sonst nicht gleich Briseis von Achilleus als Ersatz gefordert. Wer weiß, wie Agamemnon reagiert hätte. 
Dieses Mal unglücklich darüber, daß sie sich zu sehr hatte hinreißen lassen, klingt sie ein wenig kleinlaut: Vielleicht war der Priester des Apollon Seher und sah Agamemnons Heimkehr voraus und seinen Tod durch Aigistheus und seine eigene Frau? 
Adonis sieht die an sich gerade Zweifelnde erstaunt an: Du hast ganz Recht. Mit Agamemnons Ende wäre auch das Schicksal Chryseis besiegelt gewesen. Doch solche Gedanken können nur Amazones kommen. Wer könnte so denken, wenn nicht eine, die von vielen ähnlichen Ereignissen wie das von Chryseis berichten könnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert